Jules Spinatsch

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Christophe Guye Galerie freut sich, die erste Einzelausstellung von Jules Spinatsch (*1964, Schweiz) in der Galerie anzukündigen. Die von Lars Willumeit kuratierte Ausstellung SUMMIT zeigt mehr als fünfzig Arbeiten aus zehn verschiedenen Serien, die der Künstler zwischen 1998 und 2017 realisiert hat und die zum Teil eigens für diese Ausstellung entwickelt wurden. SUMMIT ist zudem die erste grosse Einzelpräsentation von Spinatschs Werken in seiner Heimatstadt Zürich seit 2006. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Reihe von Rahmenveranstaltungen in Zürich, sowohl in der Christophe Guye Galerie als auch in der Buchhandlung Never Stop Reading, wo der Fokus auf seinen Leistungen im Medium des Fotobuchs liegt.

Jules Spinatsch ist nicht nur in der zeitgenössischen Schweizer Fotografie eine Ausnahmeerscheinung, sondern auch international. Kaum ein Künstler seiner Generation, der sich mit dem Medium Fotografie beschäftigt, ist so weitsichtig wie er, wenn es darum geht, die technologisch tief verwurzelten Programme und Verzerrungen des Mediums künstlerisch zu erforschen und zu hinterfragen, vor allem im Kontext der digitalen Wende. Die Ausstellung SUMMIT versammelt Arbeiten aus den vergangenen sechzehn Jahren, die sein langfristiges Interesse für unterschiedliche soziale Praktiken und Berührungspunkte zwischen Mensch und Maschine widerspiegeln, die hier gemeinsam unter dem Begriff Fotografie zusammengefasst werden. Die in SUMMIT vorgestellten Serien reflektieren die Bedeutung fotografischer Praktiken in Machtverhältnissen und die Herstellung von Überwachungs-, Kontroll- und (Selbst-) Managementsystemen in den Bereichen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.

Der Galerieraum ist in vier Bereiche unterteilt, wobei der Hauptgaleriebereich aktuelle Arbeiten vorstellt und der Showroom sich auf das konzentriert, was man mittlerweile als ‚klassische’ Serien bezeichnen könnte. Die Ausstellung präsentiert Arbeiten aus den folgenden Werkgruppen: Sleep (1998/2009); Temporary Discomfort (2001-2003); Snow Management (2004-2008); Mountain Works (2008); VIENNA MMIX (2010); Sinking Values - oder die Reise zum Nullpunkt der Wertschöpfung (2012); Nahes Ziel I (2013); L'Eclat c'est moi / Super Meta Eclat (2013, 2017); Asynchron I + III (2014); Tanzboden 1 (2015) und Inside SAP (2016). Die Schaufensterinstallation präsentiert die Arbeiten Asynchron I, Rote Mirage S; Nahes Ziel I; Inside SAP, Detection Details, sowie eine Projektion des Videos Super Meta Eclat, die alle räumliche Bezüge zu den gezeigten Arbeiten im Innenraum herstellen. Beim Betreten der Galerie folgt der zweite Teil mit ausgewählten Werken aus der Serie Tableaux d'éclats. Der Showroom auf der Rückseite als dritter Abschnitt vereint Arbeiten aus dem Snow Management Komplex; Mountain Works und Temporary Discomfort, während der Hauptraum als vierter Bereich in zwei Unterabschnitte unterteilt ist. Im Ersten stehen sich die Panoramawerke Vienna MMIX, Sinking Values - oder die Reise zum Nullpunkt der Wertschöpfung, sowie Tanzboden 1 gegenüber. Im Zweiten werden Elemente aus Inside SAP und Asynchron III - die fehlenden 20 Minuten zusammengefasst.

Der Begriff summit, der hier als Ausstellungstitel dient, verweist auf vielfältige Assoziationen, Phänomene und Konzepte, deren Mehrschichtigkeit der Interpretation und Wahrnehmung des Betrachters dienen sollen. Lateinisch summum bonum bezeichnet das höchste Gut und eine Summe bezieht sich auf eine Menge von Gütern oder ein Endziel. Natürlich bezieht sich summit, zu Deutsch Gipfel, gemeinhin auch auf einen Berg oder eine Spitze in der Naturwelt, sowie auf Treffen und Konferenzen internationaler Regierungschefs oder CEOs. Auf philosophischer Ebene kann der Begriff sich auch auf den höchsten, erreichbaren Punkt oder die höchste, erreichbare Ebene beziehen oder Zusammenfassung, Gesamtheit oder Aggregat von etwas Abstraktem sein.

All diese Assoziationen können helfen, Verbindungen zwischen den verschiedenen Serien herzustellen, die auf den ersten Blick gar nicht miteinander verbunden zu sein scheinen. Ein Berggipfel, z.B. als Teil einer Winterlandschaft wie in Spinatschs Serie Snow Management bietet einerseits ein grossartiges Panorama und bietet in seinem Fall aufgrund der künstlerischen Konvention und dem Genre des Panoramas andererseits ein technologisches und ästhetisches Gipfel-Erlebnis – zumal er auf 2590 m ü.M. auf dem Jakobshorn, einem Davoser Berg, auf dem seine Eltern früher Restaurants des Skigebiets betrieben haben, aufgewachsen ist.

Spinatschs grossformatige Panoramaarbeiten, die aus bis zu mehreren tausend Einzelbildern bestehen, welche mit programmierten Kameras aufgenommen wurden, sind Fälle von kalkuliertem Versagen und halbautomatisierter Autorschaft. Sie sind hybride Ergebnisse einer Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, die externe Welten erfasst und aufzeichnet, indem sie Licht aufspürt und kontrolliert. Die Ausstellung eignet sich der Bedeutung des Worts 'Summit' an, um wechselnde Betrachtungsweisen nachzuvollziehen. Das Wort beschreibt einerseits jene Betrachtungsweisen, die aus der Vergangenheit stammen, wie Visionen des Erhabenen und visuelle Kontemplation, beispielsweise in den Landschaftsbildern der Serie Snow Management, aber auch solche, die sich auf die Gegenwart und die nahe Zukunft beziehen, wie z.B. Vorstellungen von Spektakel und Aufmerksamkeitsökonomie im kognitiven Kapitalismus und seinen Kontroll-, Überwachungs- und Wertgewinnungsmechanismen auf der Basis automatisierter Bildinterpretationssystemen und der algorithmischen Kapitalisierung von Metadaten, wie in der Serie Inside SAP.

Dadurch, dass der Betrachtende selbst den Blickwinkel festlegt, delegiert der Künstler den Akt und die Verantwortung der Interpretation an den Rezipienten und macht den Ausstellungsbesucher damit zu einem Teil der Bedeutungskette. Seit weit über einem Jahrzehnt erforscht, appropriiert und experimentiert Spinatsch mit hybriden Formen fotografischer Urheberschaft. Er ließ sich zum Teil vom Philosophen Vilem Flusser inspirieren, der schon vor langer Zeit darauf hinwies, dass die fotografische Autorschaft durch die Verwendung eines Apparates zu den Grundprinzipien der Fotografie gehört und somit seit dem Tag ihrer Erfindung ihren Einfluss auf die visuelle Autorschaft ausübt. Der große Unterschied besteht heute darin, dass die Technologieunternehmen über Algorithmen verfügen, die zum Teil nicht nur die Produktion eines Bildes, sondern auch dessen Verbreitung, Verteilung und Rezeption bestimmen.

In einem seltenen Meisterstück künstlerischer Portfolio Diversifikation hat Spinatsch Werke geschaffen, die es dem Betrachter ermöglichen, seinen Blick sowie seine Methoden der visuellen Analyse und Interpretation anzupassen und zu rekonstruieren. Wenn er sich in der Serie Snow Management mit veralteten binären Vorstellungen von Natur und Kultur im Zeitalter des globalisierten Spektakeltourismus’ und des Anthropozäns auseinandersetzt, löst sich das Binäre von Mensch und Nicht-Mensch zunehmend durch seine Arbeitsmethode auf, die er in seiner früheren Serie Temporary Discomfort initiiert hat. Spinatsch setzt sich hier sowohl mit den herkömmlichen Vorstellungen von Autorschaft als auch mit dem, was als ‚gutes Bild’ bezeichnet wird, auseinander. Diese investigative Haltung gegenüber den fotografischen Medien ist aber nicht nur im Hinblick auf die Vorstellungen fotografischer Repräsentation als indexikalische Realitätsschnitte und die damit verbundenen Wahrheitsregimes und gesellschaftlichen Konventionen von Bedeutung. Die Arbeiten Asynchronous I - X, von denen die Ausstellung zwei Kapitel vorstellt, erzählen Episoden aus der Geschichte der Nukleartechnik. Ihre Erzählung geht von Bildern aus, die entweder für Marketingzwecke, als Nachrichtenagenturbilder oder für Publikationen, die die Kerntechnik fördern, publiziert wurden.

Spinatschs erforschende Arbeitsweise im Bereich der Fotografie beeinflusst auch den thematischen Inhalt seiner Forschung, wie im Falle von Inside SAP, einer Serie, die mit neuer Intensität visuell über die Paradoxien und Widersprüche zwischen Freiheit, Privatsphäre, Transparenz und Kontrolle innerhalb der Ideologien des technologischen Lösungsansatzes reflektiert. In diesem Fall bezogen auf SAP, einen der weltweit grössten Hersteller für Unternehmenssoftware, die von Controlling- Abteilungen unter anderem für Big-Data Auswertungen eingesetzt wird. Hier setzt Spinatsch Techniken der Schichtung und Abstraktion durch additive und subtraktive Verarbeitung von Standbildern und Videomaterial ein, so dass eine Arbeit entsteht, die ihre eigenen Interpretationen kurzgeschlossen hat. Diese SAP-Reihe stellt den bisher letzten Schritt in der Entwicklung der Surveillance Panorama Projects dar, die Spinatsch im Jahr 2003 begonnen hat.


SUMMIT präsentiert Spinatsch als zeitgenössischen Künstler, der die kritischen Praktiken des Hochfrequenzhandels mit fotografischen Bildern gemeistert hat, die oft irgendwo zwischen menschlicher und maschineller Autorschaft angesiedelt sind. In einem breiteren Kontext reflektiert die Ausstellung daher auch die derzeit zunehmende ‚Umwandlung zur Waffe‘ von Bildern auf den Ebenen politischer und kommerzieller Propaganda sowie auf autonom maschinell erzeugten und rezipierten Bildern, wie z.B. Tracking oder Targeting Funktionen, die in Überwachungssystemen oder Drohnen des militärisch-industriellen Komplexes eingesetzt werden. Spinatsch ist so ein Fotograf und Analytiker sowohl von ‚entzweienden Augenblicken‘ (divisive moments) als auch von hochtechnologisierten (device-sive) Momenten – deren eingefangene Szenen beziehen sich so auf einige der drängenden und relevanten gesellschaftspolitischen, ästhetischen und technologischen Fragen unserer Zeit. "Heute", wie er in einem Interview sagte, "ereignen sich ausschlaggebende Geschehnisse nicht beim Fotografieren, sondern davor und danach".

– Lars Willumeit, Kurator