Stephen Gill

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Die Christophe Guye Galerie freut sich, die zweite Einzelausstellung von Stephen Gill (*1971, Grossbritannien) in ihren Räumen anzukünden. Im Mittelpunkt dieser Präsentation werden seine berühmte Serie “Best Before End” sowie seine jüngste Werkserie “Energy Fieldstehen, welche erstmals zu sehen sein wird. Viele der fotografischen Studien von Stephen Gill widmen sich jeweils bestimmten Themen oder Anliegen, die jedoch alle von dem Londoner Stadtbezirk Hackney inspiriert wurden. Es handelt sich dabei stets um Versuche, Aspekte des Lebens in diesem bunt gemischten, in ständiger Veränderung begriffenen Bereich von East London zu reflektieren und auf sie zu reagieren. Die ersten Fotografien, die Hackney schuf, sind grösstenteils deskriptiv und nüchtern; sie spiegeln wider, wie er vorgeht, um sein vielfältiges Interesse für diesen Stadtbezirk greifbar machen zu können. 


Den Ausgangspunkt der Bilder in diesen beiden Serien bildeten in East London entstandene Aufnahmen auf Farbnegativfilm. Diese wurden anschliessend einem Umwandlungsprozess unterzogen, dessen Ziel darin bestand, etwas von ihrem intensiven, emotionalen Charakter zu bewahren – sogar dann, als die Farbschichten und Emulsionen, aus denen ihre physische Form besteht, vollständig verändert wurden. Der Farbnegativfilm wurde in Energy Drink teilweise entwickelt, wodurch die Filmemulsion aufweichte, was zu Bildverschiebungen und -störungen führte. Auf eben diese Weise entstand die Serie "Best Before End". Beim zweiten Teil der Serie wurde der aufgeweichte Film nach dem Aufweichen manuell bearbeitet. Die Emulsionsschichten wurden gedehnt, verschoben, zerrissen und deformiert, ehe dann, solange die Emulsion noch geschmeidig war, mit einem weichen Pinsel weitere Verschiebungen ausgeführt wurden. Anschliessend konnten die einzelne Negative bis zu drei Jahre lang trocknen, ehe sie abfotografiert wurden. Zu diesem Zeitpunkt wurden ein einzelner Masterprint und ein einziger Artist Proof angefertigt, bevor das Original-Negativ in Kunstharz fixiert wurde. Diese Arbeiten bilden nun seine jüngste Serie "Energy Field".


Niemand hat das Energiefeld dieses provozierenden Ortes besser festgehalten als der Fotograf Stephen Gill. Durch seine zurückhaltende Entschlossenheit, sein Pirschen und sein Umkreisen des Themas gibt er sich als bedeutender Dokumentar zu erkennen, der unmittelbar reagiert, als verspielter Konzeptualist und glänzender visueller Dichter. Mehr als jeder andere Kopfgeldjäger der Randbereiche hat er die Verpflichtung erkannt, mit dem Chaos zusammenzuarbeiten, Kunst aus Schwierigkeiten heraus zu erschaffen, die forensische Wissenschaft (das Mikroskop, die hochauflösende medizinische Kamera) mit Schlamm, Insekten, Steinen und Bruchstücken zu vermischen. Gill ist zum absoluten Meister der kulturellen Überlagerung geworden: Er besetzt das Profane mit dem Lyrischen, gewöhnliche Menschen, die ihren Geschäften nachgehen, neben floralen Explosionen, Ameisen, die über unbelichtetes Filmmaterial krabbeln. Best Before End ist eine Stephen Gill Apotheose. Es ist kaum möglich, über diese malerischen Abzüge zu sprechen, ohne dabei auf die Metapher der Alchimie zurückzugreifen – sie war immer ein Teil von Londons okkulter Geschichte, vom elisabethanischen Magier John Dee bis hin zum freiheitsliebenden Filmemacher Derek Jarman. Die Alchimie befasst sich – nach dem Verständnis jener, die sie ernsthaft praktizieren – mit Prozess und Wiederholung, wobei immer und immer wieder dieselben Rituale vollzogen werden, um innerhalb des eigenen Bewusstseins zum goldenen Licht zu gelangen. Es ging niemals um die niedere Verwandlung von Schmutz in Gold. Es ging vielmehr darum zu verstehen, wie wir, wenn wir unseren blinden Instinkten folgen, unser Können weiterhin verfeinern müssen, bis das Können uns verfeinert, indem wir alles Überflüssige und Falsche verbrennen. Gills ausserordentliche Intuition besteht hierbei darin, toxische Energy Drinks, das Junk-Viagra der Supermärkte in Hackney, als ein aktives Element in den Prozess mit einzubeziehen, bei welchem ein Bild Schicht um Schicht aufgebaut wird. Bewusst zurückhaltende territoriale Beschreibungen, Aufnahmen von Personen und Orten, wurden entwickelt und danach in einem Bad von sprudelndem Zucker geschickt manipuliert. Die Zellschädigung ist dabei sensationell. In den grossformatigen Abzügen wird Gills alchimistische Hochzeit zwischen Fotografie und Malerei, lokalen Besonderheiten und Firmenmarketing vollzogen. Ich glaube, sie zählen zum Schönsten, was Stephen geschaffen hat. Die Krönung einer überraschenden und vielleicht auch definitiven Darstellung der Auseinandersetzung zwischen Künstler und Ort.


– Iain Sinclair 


Best Before End ist eine Himmelsleiter und zugleich auch eine Höllenfahrt. Es war fast Stephens Ende, doch es brachte – welch Glück für uns – eine der klarsten Reaktionen auf das Lebendigsein in der Geschichte der Fotografie hervor. Will Self stellt in seiner Einleitung zu dem Buch, das diese Arbeiten vereint, fest: ”Die Serie Best Before End erinnert an den unbekümmerten Untergang des Abendlandes.” Ich würde noch weiter gehen und sagen, dass in diesen Bildern das Ende der Menschheit berechnet und gemessen wird. Der Tod wird als die einzige praktikable Strategie zur Trennung der Materie von ihrem Subjekt aufgezeigt. Der allersinnlichste Tanz entsteht dann, wenn der endgültige Schlaf auf uns zugerast kommt. Einmal setzte ich mich mit Stephen hin, um mitzuerleben, wie die Bilder in den verschiedenen Energy Drinks kochten. Der Prozess war eigenartig, da das Amphetamin wie die Säfte unseres kulturellen Ödlands zu einem Teil der Geschichte der Alchimie wurde. Stephen hustete ziemlich viel, ich hustete ebenfalls und mir war übel. Dank seiner Willensanstrengung stellte Stephen die Serie fertig, während sein Körper dabei zerbrach. Natürlich kam er schliesslich ins Krankenhaus. Dieses war sein letztes in London geschaffenes Werk. Neue Horizonte mit einem erlösenden Aspekt bilden nun seinen bevorzugten Lebensraum und seine Labors. Selbst in dieser neuen Umgebung wird seine forensische Analyse des Dilemmas der Grossstadt eilig fortgesetzt.


– Timothy Prus