Karla Hiraldo Voleau You Can Have it All 2019, 2024
Textes von Camilla Marrese:
Im Jahr 2019 schreibt Karla Hiraldo Voleau einen Brief an ihr zukünftiges Ich. Sie ist in Griechenland, allein, und arbeitet in einem Job, der sie früh aufstehen lässt und bei dem sie mit den Händen in der Erde arbeitet. Jeden Tag macht sie Selbstporträts. Es ist eine Zeit, in der sie ihren Körper verzerrt wahrnimmt und sich auf bestimmte Details fixiert. Bilder von sich selbst zu konstruieren ist ein Weg, dieses Gefühl umzukehren – eine Art Schocktherapie, um zu lernen zu bleiben.
Im Jahr 2024, in Italien, liest Hiraldo Voleau diesen Brief erneut und antwortet darauf. Sie schreibt, dass sie nein, nicht genug Zeit fern vom Telefon, in der Sonne verbringt. Nein, sie ist keine Mutter. Und ja, sie macht sich noch immer Sorgen darüber, wie ihr Körper aussieht – ein Körper, um den sie sich nicht so kümmert, wie sie sollte oder zu sollten glaubt, der es ihr jedoch erlaubt, 2.500 Meter zu erklimmen, zu laufen, selbst wenn sie es hasst.
You Can Have it All entsteht aus zwei Momenten im Abstand von fünf Jahren. Aus zwei komplexen und intensiven Phasen; aus Trennungen, Körperdysmorphie, Wut und Schlaflosigkeit. Die Fotografie verwandelt beides. In Anlehnung an die Arbeiten feministischer Fotograf:innen wie Jo Spence und Ana Mendieta entwirft Hiraldo Voleau Rituale, Gesten und Herausforderungen, in denen der Körper widersteht und sich verändert. Orangen ohne Hände pflücken. Eine magische Zahl immer wieder schreiben, bis sie ihre Bedeutung verliert. Einen Berg besteigen, Liebesbriefe verbrennen.
Wenn ein Foto eine flache, statische Oberfläche ist, über die die Blicke anderer wandern können, ist Hiraldo Voleaus Prozess genau das Gegenteil. Es ist das Entwickeln einer Technik, um den Körper neu zu programmieren – ihn dazu zu bringen, zu fühlen und zu sehen, was zur Heilung führt. Es ist ein Weg, ihm zu erlauben, einfach zu sein, bevor er betrachtet wird – in seiner Schlichtheit vielleicht eine der größten Befreiungen.