Jung Lees Online-Einzelausstellung LOVE — A One-Word Journey präsentiert elf neue Arbeiten zusammen mit LOVE #1 und zeigt damit die jüngste Entwicklung ihrer fortlaufenden Auseinandersetzung mit Sprache, Licht und Landschaft. Sprache wird in diesen Arbeiten nicht einfach in die Landschaft gesetzt. Sie wird Teil von ihr: eine physische Präsenz, geformt durch Glas, Licht, Wetter und Zeit.
Die Serie LOVE entstand als Hommage an Robert Indiana, der LOVE bekanntlich als ein «one-word poem» bezeichnete. Lee führt diesen Gedanken in eine ganz eigene Richtung weiter. Anstatt das Wort als Aussage zu behandeln, verwandelt sie es in einen eigenen Raum. In abgelegenen, oftmals winterlichen Landschaften wirken die leuchtenden Buchstaben zugleich bestimmt und verletzlich, schwebend zwischen Behauptung und Verschwinden.
Im Laufe der Zeit wurde LOVE zugleich zu einem Ausgangspunkt. Lees visuelle Sprache hat sich zu einem breiteren Vokabular entwickelt, das über die Liebe selbst hinausgeht und Themen wie Nähe, Sehnsucht, Ambivalenz, Verstehen und Vergänglichkeit berührt. Was mit einem einzigen Wort beginnt, entfaltet sich allmählich zu einer umfassenderen Auseinandersetzung mit Sprache und menschlicher Erfahrung.
Diese Fragilität ist auch im Medium selbst angelegt. Das rote LOVE, das in diesen Arbeiten erscheint, wurde aus dicken Kaltkathoden-Glasröhren gefertigt – einem Material und einer Technik, die heute zunehmend schwer zu reproduzieren sind. Was einst wiederholbar schien, ist nach und nach zu etwas Einmaligem und Endlichem geworden. Für Lee hat sich das «one-word poem» dadurch zu dem entwickelt, was sie selbst als eine «one-word journey» beschreibt.
Nach vielen Jahren der Arbeit mit Neon richtet sich ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf die physische Beschaffenheit des Mediums selbst. Neon ist nicht nur Licht: Es ist Glas, von Hand zu Sprache gebogen, fragil und jederzeit zerbrechlich. In Lees Arbeiten erhält etwas so Immaterielles wie ein Wort dadurch einen verletzlichen Körper. Leuchtet es in einer verschneiten Landschaft auf, wird Sprache beinahe taktil. Die Fotografie hält dabei nicht nur die sichtbare Szene fest, sondern ebenso die körperlichen Empfindungen, die Spannung und die Erfahrung des Augenblicks, in dem sie entstand.
Dieses Moment der Ungewissheit setzt sich in Lees Arbeit mit analogem Film fort. Sie interessiert sich für die Zeitspanne zwischen Belichtung und Entwicklung – für jenen Zwischenraum, in dem das Bild bereits existiert, aber noch nicht sichtbar ist. Das latente Bild wird zu einem Raum der Erwartung, der Vorstellung und des Zweifels. Die Fotografie ist bereits vorhanden, bleibt jedoch noch unzugänglich.
Lee hat Neon lange dazu verwendet, Text in Bild zu verwandeln. In den neuen Arbeiten richtet sich ihr Interesse jedoch zunehmend auf das, was zwischen beiden liegt. Der Prozess, ein vorgestelltes Bild in physische Realität zu überführen, lässt sich niemals vollständig kontrollieren. Wetter, Material, Licht, Landschaft und Film bringen jeweils ihre eigenen Unwägbarkeiten mit sich. Anstatt diese Unsicherheit auszuschliessen, lässt Lee sie zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer Arbeit werden.
Was daraus entsteht, ist nicht einfach eine Reihe von Wörtern in Landschaften, sondern eine Reise durch die Sprache selbst: von Behauptung zu Zweifel, von Nähe zu Distanz, von Präsenz zu Verschwinden. In Lees Bildern erhalten Wörter Körper, Landschaften werden zu emotionalen Räumen, und Sprache bleibt in jenem Zwischenbereich, in dem sich das Sichtbare, das Fühlbare und das nicht vollständig Aussprechbare begegnen.